_UP

Übersicht

Selfkant-Hillensberg, St. Michael

_klais/bilder/zz_bis_8_2017/aktuell/Hillensberg.jpg

An Weihnachten 2004 wurde die historische Orgel der Pfarrkirche St. Michael in Selfkant-Hillensberg wieder in Gebrauch genommen. Nach einjähriger Arbeit präsentiert sich diese Brüstungsorgel wieder in einem Zustand, wie er um 1830 von einem bisher unbekannten Orgelbauer geschaffen worden war.

 

< 1 2

 

 

Die Restaurierung der Orgel durch Johannes Klais, Bonn, 2004

 

Die Restaurierung wurde in der Woche vor Weihnachten 2004 abgeschlossen, im Weihnachtsgottesdienst geweiht.

Die Orgelabnahmeprüfung durch Dr. Franz-Josef Vogt (Rhein. Amt für Denkmalpflege Brauweiler) fand am 29. Dezember 2004 statt.

Bei der Restaurierung der Orgel wurden keine direkten Hinweise auf den Erbauer der Orgel gefunden. Die Erbauungszeit des Instruments ist jedoch auf die Zeit um 1831 einzugrenzen. Weil Dichtungspapier in den Deckeln der gedackten Register Bourdon 8‘ und Flaut 4‘ datierte Zeitungsstreifen einer Aachener Zeitung von 1831 waren.
Unter der Brüstungskniebank fanden wir eine Bleistiftinschrift, die auf den Zeitpunkt des Umbaus der Orgel (Auseinanderziehen von Gehäuse und Orgelwerk) hindeutet: „Orgel umgebaut und Orgelbühne renoviert im Januar 1933 With [?]Stefan“

 

Disposition
Die Disposition der Orgel konnte nicht weiter präzisiert werden, da nicht für alle Positionen Hinweise auf die originale Besetzung gefunden werden konnten. Dennoch wurde versucht, dies soweit als möglich durch annähernde Einpassung der Mensuren an die vorhandenen Stockbohrungen zu erreichen.

 

Manual C - f 3 = 54 Töne

1 Praestant  4' Bass C – f°
2 Praestant  4' Disc. fs° - f 3
3 Bourdon 8' Bass C – f°
4 Bourdon 8' Disc. fs° - f 3
5 Spitzflaut 8' Disc. fs° - f 3
6 Viola da Gamba 8' Disc. fs° - f 3
7 Viola da Gamba 8' Bass C – f°
8 Gemshorn 4' Disc. fs° - f 3
9 Quint 3' Disc. fs° - f 3
10 Flaut 4'
11 Octave 2'
12 Mixtur 3fach 1'
13 Trompet 8‘ Disc. fs° - f 3
14 Trompet 8‘ Bass C – f°

Pedal C – c° = 13 Töne, angehängt

 

Pfeifenwerk

Eine auffallende, und bisher von uns noch nie gemachte Besonderheit bei den Metallpfeifen ist bei der Hillensberger Orgel: Normalerweise werden die Kerne auf die Pfeifenfüße gelötet, die Kernfase steht dann über die Oberkante des Fußes, Unterlabium, Kernunterseite und Fuß werden auf einer Höhe verlötet, der Pfeifenkörper an dieser Kante aufgesetzt. Bei allen historischen Metallpfeifen war der Fuß auf Labiumbreite eingeschnitten, der Kern sitzt also mit der Oberkante bündig auf dem Fuß; entsprechend dünn ist die Lötnaht zwischen Pfeifenkörper und Pfeifenfuß.
Die Orgel wurde nach Valotti temperiert und auf 450,5 Hz bei19,4°C eingestimmt.

 

Windlade

Da die Konstruktion der gesamten Windlade substanziell gut überliefert ist, konnte sich die Restaurierung auf eine wiederherstellung des technischen Zusammenhangs beschränken.
Der Kanzellenkörper, von der Oberseite gespundet, zeigte starke Rißbildung. Deswegen wurde die durchgehende Belederung der Oberseite abgelöst, die gerissenen Kanzellenspunde gelöst, aufgedoppelt und wieder mit Warmleim eingesetzt. Anschließend wurde die Belederung der Oberseite erneuert, Schleifenbohrungen ausgeschlagen und nachgebrannt und Schleifen und Dämme abgerichtet und neu ausgerichtet und aufgepasst.
Die Kanzellenunterseite war zuletzt außerhalb des Kanzellenblocks mit blauem Papier geschlossen; Ventilbahn und Kanzellen wurden bei der Restaurierung beledert.
Die Windzuführung in den Ventilkasten war zuletzt vom Boden her, hatte aber umbaubedingte Veränderungen nachgezogen: die Ventile auf der Cs-Seite waren umgedreht worden. Als ursprüngliche Windöffnung stellte sich die Spundseite heraus, wo im Mittelbereich kein originaler Spund vorhanden war, aber auch kein Vorreiber befestigt war.
Die Stöcke und Stockschrauben waren erhalten. Beim Stock für die Trompet 8‘ fehlte das Deckfurnier (das für den Glöckleinton 2fach abgehobelt war), wir konnten aber noch Spuren der originalen ausgebrannten Kesselungen erkennen.
So kannten auch die anderen fehlenden Pfeifen anhand der Stöcke rekonstruiert werden.
Im Zusammenhang mit der Drehung der Orgel waren auch die Schleifenangriffe auf die gegenüberliegende Stirnseite verlegt worden.

 

Spieltisch und Mechanik

Schon beim Abbau der Orgel war klar geworden, dass das Spieltischgehäuse der seitenspieligen Anlage in Front und Rückwand erhalten ist. Die originalen Registerzuglöcher und Registerzüge mit Schwertern waren ebenfalls vorhanden. Da auch die Anlage der Pedalkoppel vorhanden war sowie die (wohl 1933 ) erneuerte Pedalklaviatur, konnte die Spielanlage mit einer neuen Maualklaviatur rekonstruiert werden.
Die Wellrahmenmechanik war durch das Umdrehen der Orgelanlage verändert worden: Die gekröpften Ärmchen warne durchwegs aus Messing mit Lederseele erneuert.

Der Wellrahmen war zerschnitten, einzelne wellen gekürzt, dennoch war die ursprüngliche Dimension und die Lage der Wellen ablesbar. Auffallend waren die gekröpften Abzugsärmchen nicht von oben in die Welle geschlagen, sondern um 45° diagonal in die Welle gesetzt und dann in die Senkrechte gebogen. Vorbild für die von uns nachgeschmiedeten Wellenärmchen waren die erhaltenen am Pedalkoppelwellenbrett. Die Abstrakten wurden durchwegs erneuert, da die seit dem Mechanikumbau vorhandenen nicht mehr passend waren.

 

Gehäuse

Die originalen Bauteile des Gehäuses wurden ergänzt und logisch zugeordnet. So verblieb die Untergehäusefront in situ stehen. Der abgeschnittene Gurtrahmen wurde seitlichverlängert. Die erhaltene Türe aus Eiche, nachweislich um ca 125 mm verkürzt wurde wieder verlängert und der rechten Seitenwand des Gehäuses zugeordnet.
Die Lisenen des Obergehäuses wurden ebenfalls um ca. 220 mm verlängert, das Maß ergab sich durch die erhaltenen, jüngeren Prospektpfeifen aus Zink und der veränderten Stellung der Prospektraster.
Die komplizierte Stellung des Gehäuses auf der Empore zwischen Emporenbrüstung und eingesenktem Turmbereich machte es notwendig, die Orgelrückwand losgelöst von der Gurtrahmenkonstruktion zu bauen.
Alle Türen wurden profiliert wie die beiden erhaltenen Türen an Seitenwand und Kniefüllung.

 

Gebläse

Es ist anzunehmen, dass der zuletzt erhaltene Magazinbalg spätestens 1933 auf dem Zwischenboden über der Empore eingebaut wurde. Dieser Bald wurde gereinigt und neu beledert hinter dem Orgelgehäuse aufgestellt. Der Motorkasten mit einem neuen Schnellläufer bildet das Traggestell für den Balg, der auch noch einen Schöpfbalg an der Bodenplatte hat, sodass die Orgel auch mit handgeschöpften Wind betrieben werden kann.
Vom Balg geht ein Windkanal direkt zum Spund der Windlade.
Der Winddruck wurde wie vor dem Abbau mit 65mm WS abgewogen.

 

Dr. Theobald

Seiten: < 1 2