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Übersicht

Köln, Dom

Die Architektur des Kölner Domes gilt in ihrer im 19. Jahrhundert, nach dem mittelalterlichen Plan vollendeten Form als das steingewordene Ideal der gotischen Kathedrale. Trotz Mythos ist dieser Dom aber vor allem lebendiges Gotteshaus, das Zentrum der Erzdiözese Köln, aber auch Magnet für viele Besucher aus aller Welt.

 

 

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ZUR TECHNISCHEN KONZEPTION DER SCHWALBENNESTORGEL

 

Seit Vollendung der Kathedrale gibt es auch die Frage nach der angemessenen Orgellösung. Allerdings galten die Ansprüche der Architekturästhetik und der Kirchenmusik als unvereinbar, d.h. jede große Orgel als architekturunverträglich bzw. als akustisch unbefriedigend. Dieses Dilemma erforderte mutige Entschiedenheit, schließlich konnte die Orgel ähnlich den historischen Orgelstandorten in mittelalterlichen Kirchen nicht versteckt werden: Nur wer die Orgel sieht, kann sie auch gut hören - dann ist sie auch "raumwirksam".

 

 

Die neue Orgel erfüllt diese Forderung auf spektakuläre Weise - sie ist, trotz ihrer räumlichen Ausdehnung, eingebettet in die Langhausarchitektur und sitzt gleichzeitig im akustischen Schwerpunkt des Raumes. Äußere Gestalt und innerer Aufbau durchdringen sich wie beim gotischen Spitzbogen, der Dekor und Funktion zugleich ist.

 

Das Instrument mit einem Gesamtgewicht von 30 Tonnen hängt frei an vier, zwischen 35 und 20 mm dicken Stahlstangen vor der nördlichen Langhauswand. Es beginnt mit der Unterkante bei ca. 20 m über dem Fußboden und endet bei ca. 40 m.

 

Die Einteilung der Werke und der Aufbau der Tragkonstruktion bedingen sich gegenseitig zu der sichtbaren Gestalt. Die hohe Lage der Orgel und Beschränkung auf den Raum zwischen zwei Pfeilervorlagen verdecken zwar Triforium und Obergadenfenster bis zur Unterkante des Couronnements, lassen aber ein Lichtband sichtbar, das klarmacht, dass die Orgel schwebt und die Langhauswand nicht berührt: Leichtigkeit und Rhythmus der Architektur in Bezug auf die Jochfolge bestehen weiter.

 

 

Das Gerüst der Orgel besteht aus einem Stahlgerippe, das - über dem Gewölbe - eingehängt ist und dessen vier Eisenroste, zugleich die Funktionsebenen der Orgel darstellen. Das Instrument ist also statisch gesehen von oben nach unten gebaut. Versteift wird die Konstruktion durch die Rückwand und ein 71 cm breites, sichtbares Gehäuseband, das mit den Diensten des Langhauses nur verklammert ist, um ein Schwanken der Orgel zu verhindern.

 

Die oberste Ebene, dargestellt durch den oberen Abschlußgurtrahmen, trägt in seinem Mittelturm die Balganlage, überlagert im Prospekt durch die großen, bis zu 11.50 m langen Mittelpfeifen. Die Kanäle der Balganlage führen den Wind im Zwischenraum zwischen Orgelrückwand und Fensterbahn nach unten zu den Windladen.

 

Von dort abgehängt steht in etwa 3 m Höhenabstand die Ebene mit den Windladen vom Kleinpedal und Schwellwerk, von außen nicht sichtbar, technisch aber notwendig, um ein darunter liegendes Laufgangsystem zu tragen, das die auf Hauptgesimsniveau stehenden großen Pfeifen erreichbar macht. Auf der weiteren Konstruktionsebene, von außen erkennbar im Hauptgurtrahmen stehen alle Prospektpfeifen des Hauptgehäuses mit dem Violon 32' ab F und der Quinte 10 2/3' in den Seitenfeldern. Die Windladen im Innern auf dieser Ebene gehören zum Hauptwerk und 16'-Pedal sowie zum Violon 32' C-F, offen aus Holz. Die sichtbaren Prospektpfeifen des Violon 32' haben bewußt Überlänge, um die Proportionen bei der Sicht aus dem Schiff zu strecken und um die erkennbare Mensur dieses Register so eng zu halten, dass sie die größten Durchmesser der Langhausdienste nicht überschreiten. In der untersten Ebene der Orgel liegt die Windlade des Rückpositivs mit Principal 8' im Prospekt, darüber abgestützt Spieltisch - mit einarmiger, "hängender" Spieltraktur - und Organistenempore, beides vom Triforium aus direkt zugänglich.

 

Von hieraus hat der Organist die optimale Hörkontrolle über das Instrument, kann aber auch mit der singenden Gemeinde kommunizieren.

 

Die komplexe innere Struktur - man denke nur an die fast 10 m lange Traktur zu Schwellwerk und Kleinpedal - erfordert eine ausgesprochen filigrane Konstruktionsweise, um technische, musikalische und gestalterische Notwendigkeit zusammenzuführen.

 

Das Gehäusedesign folgt bewußt einer eher sachlichen, reduzierten Formensprache. Die gotische Idee "Vertikale überlagert die Horizontale" zieht sich dennoch durch das gesamte Gehäuse durch, immer wieder vorgesetzte Konsolen mit ihren alles überlagernden Pfeifen zwingen die waagerechten Gurtrahmen in einen Rhythmus. Holzgehäuse und Prospektfront wird beleuchtet durch das gegenüberliegende Südfenster, belebt durch die betont frohe Farbigkeit der mit Rot und Gold abgesetzten Profile und Dekorflächen.

 

 

Die musikalische Konzeption ist bewußt auf den Gebrauch im Langhaus ausgerichtet: In allen Teilwerken bilden sich klassisch abgestufte Principalchöre, Basis im Pedal auf 32', im Hauptwerk auf 16' und in den Nebenwerken auf 8', sie stellen die eigentliche Orgel. Alle drei Manualwerke besitzen labiale 16'-Register, gedeckt im Rückpositiv, principalig im Hauptwerk und als Streicher im Schwellwerk. Die solistischen Stimmen sind ebenfalls so differenziert wie möglich im Charakter: Von der vollklingenden Doppelflöte im Hauptwerk, über Rohrflöten und Gedeckte bis hin zu überblasenden Stimmen sowie Streichern sind alle denkbaren Formen in Chören vertreten. ebenso ist jedes Manualwerk  charakterisiert durch ein Terzspiel. Das Pedal zielt in erster Linie durch sehr weit mensurierte Labialstimmen einschließlich der über Eck labiierten Flöte 2' auf großes klangliches Fundament ab, das tragfähig die Manuale stützt.

 

Angesichts des großen Raumes ist besonderer Wert auf den Zungenchor gelegt. Die vollbechrigen Zungen im Pedal, Hauptwerk und Schwellwerk sind auf Kraft und Glanz angelegt. Die Winddrücke der einzelnen Werke liegen zwischen 120mm Wassersäule im Pedal, bishin zu 80mm WS für das Rückpositiv.

 

So finden Konzeption und Disposition zu einem eigenständigen Orgeltyp zusammen, auch wenn sie Elemente klassischer Orgeltypen bewußt zitieren.

 

Mehr ist das Instrument auf die Funktion hingeordnet: Angesichts des gewaltigen Raumes erscheint die Orgel als ein fast zierliches Instrument, durch den günstigen Standort zeichnet sie klar im Klang. Sie ist nicht Superlativ in der Anzahl der Register oder dominierender Selbstzweck, sie ist bescheidene Dienerin der Liturgie in der Kathedrale.

 

"Loss Jonn"    Photo: Renate Hofmann

 

Ein besonderer Leckerbissen ist der Registerzug "Loss Jonn" - auf Hochdeutsch am ehesten zu übersetzen mit "Jetzt mach mal!". Wird dieses Register gezogen, öffnet sich unterhalb des Rückpositivs eine Klappe und oben abgebildete Figur schwenkt heraus. Dazu ertönt die Melodie "Mer lasse de Dom in Kölle". Die Figur trägt die Züge des ehemaligen Dompropstes Bernhard Henrichs.

 

Nachdem die Figur im Einweihungsjahr sehr häufig auf die Dombesucher heruhterblickte, wurde auf Wunsch der Organisten und des Domkapitels an geheimer Stelle in der Orgel ein zweiter Schalter installiert mit dem vielsagenden Namen "Loss nit jonn", der den Registerzug im Spieltisch sperrt.

 

zur Disposition

 

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