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Übersicht

Köln, Dom

Die Architektur des Kölner Domes gilt in ihrer im 19. Jahrhundert, nach dem mittelalterlichen Plan vollendeten Form als das steingewordene Ideal der gotischen Kathedrale. Trotz Mythos ist dieser Dom aber vor allem lebendiges Gotteshaus, das Zentrum der Erzdiözese Köln, aber auch Magnet für viele Besucher aus aller Welt.

 

 

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Die Querhausorgel im Kölner Dom – Konzept und Aufgabe

 

Verfolgt man die bewegenden Berichte über das Domjubiläum zur 700-Jahrfeier von 1948, erkennt man die große Bedeutung dieses Festes. War es doch – heute fast vergessen – das hoffnungsvolle Zeichen für einen Neubeginn der deutschen Geschichte nach dem Weltkrieg. Die gewagte und innovativ aufgestellte Domorgel gehört in diesen Kontext. So gelang es, trotz der immensen Materialknappheit dieser Zeit, ein beeindruckendes Werk zu schaffen, das, unabhängig von den damaligen Schwierigkeiten, auch heute noch Respekt abverlangt. Schon deshalb haben wir uns als Orgelbauer dem Denkmalwert dieses Instrumentes verpflichtet gefühlt. Der Erhalt der technischen und klingenden Substanz ist bedeutungsvoll.

 

 

Vor dem Domfest am 15. August 1948 war das Langhaus des Domes durch eine 45 m hohe Schildwand abgetrennt worden, um den restaurierten Ostteil des Domes nutzen zu können. Die vier Gewölbe des nördlichen Querhauses waren ebenfalls zerstört. Daher wurde eine provisorische Decke auf Höhe des Triforiums eingebracht.

 

Der damalige Dombaumeister Willy Weyres wählte für die neue Orgel- und Chorbühne mit der nordöstlichen Ecke der Vierung eine Stelle, die für die damalige liturgische Situation die optimale ›Chororgel‹ ergab. Die Schwierigkeiten wurden erst offenbar, als zum Katholikentag 1956 die Trennwand im Langhaus fiel und der gesamte Raum von dieser Stelle aus mit Klang erfüllt werden mußte.

 

War 1948 eine Orgel mit 68 Registern (+~2 Transmissionen) auf 3 Manualen ausreichend, wurde das Instrument nun um ein viertes Manual auf 86 Registern (+~2 Transmissionen) erweitert. In der Folgezeit gab es einige Umstellungen/Ergänzungen von Registern. 1984 wurde der Spieltisch von 1956 um eine separate Setzeranlage erweitert.

 

 

Das technische Konzept von 1948 war innovativ für die damalige Zeit. Das System der elektro-pneumatischen Kegelladen, das Hans Klais von ca. 1920 bis 1960 im Prinzip unverändert gebaut hat, erlaubte die Realisierung einer großzügigen Anlage in der Tradition der spätromantischen Orgel. Hiervon ausgehend hatte Hans Klais durch Einflüsse der Bauhausarchitektur und der Orgelbewegung zu seinem Stil gefunden: hintereinander stehende Kegelladen, teils auf zwei Ebenen (16’/8’-Lade oben, 4’-Lade unten, gemäß der Tradition der mechanischen Kegelladenorgel), durch Stimmgänge strukturiert, hinter einer sprechenden Front ohne geschlossenes Gehäuse. Der Prospekt wurde zunächst anhand von Modellen experimentell ganz auf die Architektur ausgerichtet entworfen. Die klingenden Prospektpfeifen verdecken auf allen sichtbaren Seiten das weitläufige Instrument, das frei im Raum auf der Empore steht.

 

Die klassisch ausgerichtete Disposition weist Elemente der neobarock orientierten Orgelbewegung auf. Die Zusätze von 1956 kann man dagegen als Ergänzung einer Übergangszeit erkennen, in der sich neue Einflüsse manifestierten: Die neuen Laden wurden als elektrische Schleifladen mit den damals aufkommenden hochliegenden Aliquot-Registern gebaut – allerdings um den Preis der einheitlichen technischen Struktur, die bis dahin die Orgel ausgezeichnet hatte.

 

Die Langhausorgel von 1998 hat die Konzeption der Restaurierung ihrer älteren Schwester erleichtert: Die jetzt gefundene Lösung respektiert die Orgel von 1948 in ihrem Wert als zeittypisches Denkmal der Nachkriegszeit. Der Prospekt und der gesamte Bestand von 1948 wurde sorgfältig restauriert. Das Pfeifenwerk von 1948, 1956 und der nachfolgenden Jahre wurde weitgehend übernommen und nachintoniert. Die Schleifladen von 1956 dagegen wurden aufgegeben und durch neu gefertigte Kegelladen im Baustil von Hans Klais ersetzt, um eine einheitliche Technik zu erreichen. Auch das Hochdruckwerk, inspiriert durch englische Vorbilder und Ideen, die von Johannes Klais bereits um 1900 verwirklicht wurden, steht auf Kegelladen. Die Windanlage ist durchweg so erneuert, daß jede Lade ihre eigene Windversorgung hat, wobei die pneumatischen Steuerrelais zusätzlich mit höherem Druck versorgt werden.

 

 

Seit etwa 1990 wird der Stellenwert der Kirchenmusik am Dom erneut überdacht, um der nach dem Zweiten Vaticanum veränderten Liturgie Rechnung zu tragen. Dies hatte schon die Verlegung des liturgischen Zentrums vom Hochchor in die Vierung gebracht, die Chor- und Orgelmusik nimmt einen zunehmend wichtigen Raum ein. So erleben die Chöre einen ungeahnten Aufschwung, die Orgeln nehmen auch sichtbar am Raum teil. So gab es schon vielfältige Überlegungen parallel zur Planung der Langhausorgel, die die bisherige Orgel im Querhaus ergänzen, aber nicht ersetzen sollte. Ebenso sind und waren die Standorte für die Domchöre in der Diskussion.

 

Chor und Orgel bedingen sich gegenseitig als musikalische Partner. Die Orgel hat darüberhinaus eine weitere Aufgabe als Begleiter der singenden Gemeinde. Der mutigen Lösung der Langhausorgel folgte daher die Neudefinition der Aufgabe der bestehenden Querhausorgel. Die günstigere Anordnung der Windladen, die behutsame Nachintonation sowie die vorsichtige Änderung der Disposition, vor allem im Bereich der tiefen Frequenzen, haben eine deutlich prägnantere Zeichnungsfähigkeit der Orgel zur Folge. Die klangliche Verschmelzung beider Orgeln macht die große Akustik des Domes in einer kaum erwarteten Weise beherrschbar. Das neue Chorpodest auf der Empore ermöglicht jetzt auch eine enge Verbindung zwischen einem Chor und der Orgel für Chorwerke mit Orgelbegleitung.

 

So ist es zum ersten Mal in der Geschichte des Domes möglich geworden, mit zwei sich ergänzenden, aber unterschiedlichen Instrumenten den Raum zu füllen – Architektur und Musik, beides durchdringt sich.

 

 

zur Disposition

 

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