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Lemförde, Martin-Luther-Kirche

Restaurierung der Rohlfing-Orgel  

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Grußwort des Orgelbauers anlässlich der Wiedereineihung am 28.Mai 2010

 

(...) Als ich vor ca. 2 Jahren zum ersten Mal hierherkam, hatte ich den denkbar besten Einstieg. Pfr. Schätzel hatte gerade eine Konfirmantengruppe hier in der Kirche. Pralles und munteres Leben in dieser neoromanischen Kirche aus der Zeit um 1890. Ich assoziiere solche Gebäude immer ein wenig mit Wilhelminischer Zucht und Ordnung und es tut gut, wenn man dann muntere junge Menschen unter diesem gemauertem Gewölbe antrifft.

 

Äußerlich ein einheitliches Ensemble, zu dem auch die historische Orgel gehört. Und dazu herzliche Begegnung, offene, interessierte Menschen.

 

Dieser Orgel ist es wie allem, was man als ganz selbstverständlich erkennt, gegangen: es wurde jetzt 120 Jahre benutzt, man arrangierte sich, im Laufe der Zeit mußte man etwas dran tun, hier etwas stimmen, dort etwas flicken.

 

Irgendwann war dann der Verschleiß soweit, dass man etwas mehr dran tun muß. Aber die Orgel ist ja da, selbstverständlich, nicht mehr wegzudenken: Und dann haben die Bedenkenträger ihre Stunde, nach dem Motto – „warum sollen wir denn etwas machen, sie spielt doch“ (siehe oben – einen Orgel spielt nie).

 

Und wenn es, wie hier in Lemförde, gut geht, wird diese „Selbstverständlichkeit“ einmal wieder neu entdeckt und neu erworben, gem. dem Goethe-Satz: „Was du ererbt hast von den Vätern, erwirb es, um es zu besitzen“

 

Wir können nun ein solches Instrument wieder in Ordnung bringen, alles, was so im Laufe der Zeit hinfällig geworden ist, wieder richten – Pfeifen löten oder leimen, ja sogar fehlende Pfeifen nachmachen – wie hier die Prospektpfeifen. Diese waren wohl 1917 entnommen worden, waren seither durch Pfeifen aus Zinkblech ersetzt. Wir haben sie jetzt rekonstruiert: sie wurden aus 85%igem Zinn hergestellt, von Hand gehobelt und poliert. Der Klang der Orgel dürfte insgesamt ziemlich nah der Usprungsidee sein.

 

Einige Bereiche der Orgel waren im Laufe der Zeit verschlissen:

 

Der Spieltisch mußte zerlegt werden, die Klaviaturen wurden neu belegt oder nachpoliert, die Garnierungen durchwegs erneuert. Alle mechanischen Verbindungen in die Orgel wurden nachjustiert, zerschlissene Ledermuttern ersetzt. Heute funktioniert sogar die seit vielen Jahren stillgelegte „Freie Kombination“ wieder, eine sinnvolle  Möglichkeit, die Register – vorprogrammiert - mit einem Tritthebel umzuschalten. Die Beleuchtung des Spieltisches wurde erneuert.

 

Im Orgelinneren wurden viele Arbeiten durchgeführt: so wurde das ganze Instrument sorgfältig gereinigt, an einigen Stellen vitaler Wurmbefall und Schimmel bekämpft. Die gesamte Mechanik der Orgel wurde neu einreguliert. Vor allem an den Windladen, hier sind es Kegelladen, hatten sich im Laufe der Zeit viele Fehler bemerkbar gemacht. So wurden Kegel neu beledert, weil sie durchgescheuert waren, Risse in den Kanzellen wurden ausgespant und abgedichtet.

 

Besondere Mühe mußte auf den Blasebalg der Orgel angewendet werden. Dieser mußte in der Werkstatt komplett zerlegt werden, da die gesamte Belederung brüchig geworden war. Diese Belederung wurde erneuert.

 

All das wäre nur alltägliche Arbeit, Routine. Was keineswegs Alltag war, waren Sie: die vielen Helfer und Interessenten hier aus Lemförde, die uns besucht haben, die uns geholfen haben, die Balg hochzuwuchten, sich vor allem für uns und für dieses Lemförder Orgel sich interessiert haben. Wir durften aber bei den Arbeiten nicht nur eine wunderbare Orgel entdecken, sondern auch eine engagierte Kirchengemeinde kennenlernen. Klar, natürlich auch den Pfarrer, Herrn Schätzel, den Baukirchmeister, Herrn Wrampelmeyer, die beiden Organisten – Sr. Anneliese und Herrn Schildmann, Frau Bechtel, die den Orgelbau für sich entdeckt hat und eine ganze Zeitungsseite geschrieben hat. Und – vor allem – die vielen Menschen, die sich für diese besondere Orgel eingesetzt und interessiert haben. Ohne die hätten wir nichts machen können.

 

Die Lemförder Rohlfing-Orgel ist jetzt auch unser Kind geworden als unser Opus 1798. Bei Kindern weiß man nie vorher, wie sie geraten. Sie gehen ins Leben, mit dem heutigen Tag wird dieses Instrument von uns losgelassen und wieder in Ihre Hände gegeben.

 

Wir Orgelbauer wünschen Ihnen allen, dass die Orgel weiterhin zum Lob Gottes und zu Ihrer aller Freude klingt.

 

Danke, dass sie uns dieses „Kind“ anvertraut haben.

 

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