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Ottobeuren, Abtei - Marienorgel

Die Marienorgel der Abteikirche Ottobeuren

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Die Marienorgel der Abteikirche Ottobeuren

und ihre Sanierung 2001/ 2002

 

Der Bau der Marienorgel durch das traditionsreiche Haus G.F. Steinmeyer in Oettingen markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Orgelbaus in der Nachkriegszeit in Süddeutschland. Ohnehin schon bedeutsam, daß fast 200 Jahre nach Vollendung der barocken Basilika die von Anfang an geplante Orgeltrias vollendet wird, der Orgelbau erlebt darüber hinaus mit dem Bau dieser monumentalen Hauptorgel die Abkehr von der damals durchaus noch üblichen elektrischen Registerkanzellenlade und die Einführung der mechanisch gesteuerten Schleiflade auch für ein sehr großes Instrument. Auch wenn viele ästhetische und bauliche Eigenheiten noch immer der vorausgegangen Zeit anhaften – man denke an den Freipfeifenprospekt, die elektrisch angesteuerten Balkonorgeln oder die Anordnung der Laden auf einer einzigen, nicht durch Gehäuse gegliederten Ebene – zeigen sich doch äußerst innovative Ideen: Die Disposition lehnt sich bewußt an die klassische Orgel des französischen Barock und der Symphonik an, verbunden mit einer Abkehr vom „orgelbewegten“ Neobarock norddeutscher Ausprägung, was nicht zuletzt auch an den beiden Schwellwerken sichtbar wird. Für das neue Selbstbewußtsein spricht der moderne Prospektentwurf, der inspiriert ist von der barocken Umgebung, aber keineswegs eine Kopie barocker Entwürfe darstellt.

 

Gerade die Abteikirche Ottobeuren bietet sich an für die Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur, der eigenen musikalischen Tradition und Herkunft, gelten die beiden Chororgeln von Karl Joseph Riepp doch zurecht als ideale Beispiele für die süddeutsch-katholischen Welt des 18. Jahrhunderts, neben der unsere heutige Vorstellung und Leistung bestehen will.

 

Die Orgel war daher in der Vision von Arthur Piechler (1896 – 1974) und P. Albert Hohn OSB (1911 – 1997) im Bewußtsein erdacht, etwas neues, bleibendes zu schaffen. Die technischen und materiellen Vorraussetzungen waren durch die Stiftung des „Kulturkreis im Bundesverband der deutschen Industrie“ gegeben. Von den damals gemachten Erfahrungen im Umgang mit großen Räumen, mit neuzeitlicher Gestaltung in kunsthistorisch wertvollster Umgebung und der Beherrschung der Orgeltechnik profitieren Denkmalpflege und Orgelbau bis heute.

 

Jedes Instrument unterliegt durch seinen Gebrauch auch einem Verschleiß, und die Marienorgel war in den 45 Jahren ein viel gebrauchtes Instrument. Gleichzeitig hat sich auch der Anspruch an die Orgel gewandelt, so wie sich die Menschen seither verändert haben: Auf der Orgel wurde Musik gespielt, die für den Raum ideal war. Allerdings gab es die Forderung an eine größere dynamische Bandbreite seit der Erbauung der Orgel, wobei sogar vereinzelt Zweifel geäußert wurden, ob die Musikempore der Abteikirche überhaupt für eine Orgel geeignet sei. Daraus resultierten zunehmend Forderungen nach mehr Kraft für das Instrument, d.h. nach mehr Wind und nach besseren Spielhilfen für den Organisten, so wie es in den letzten Jahrzehnten durch die Einführung von Setzeranlagen möglich wurde.

 

Die Überarbeitung von 2001/ 2002 durch die Werkstatt Johannes Klais, Bonn, hatte daher zum Ziel, die unbestrittenen Qualitäten des Instrumentes zu erhalten, dennoch, soweit es möglich schien und ohne die unverwechselbare technische und klangliche Idendität in Frage zu stellen, vorsichtige Korrekturen durchzuführen. So wurde die klangliche Abstrahlung der Orgel verbessert, indem die Bretter zwischen den freistehenden Prospektpfeifen entfernt wurden. Die äußere optische Erscheinung blieb erhalten, die Verringerung der Spatien zwischen den Pfeifen machte jedoch die Ergänzung des Prospektes um vier zusätzliche Pfeifen notwendig.

 

Wichtigste Erneuerung ist wohl der Neubau der Spielanlage. Die beiden Spieltische von 1959 – der elektrische Generalspieltisch und die mechanische Spielnische – wurden zusammengefasst in einer zentralmittigen, etwas vorgezogenen Anlage, die den mechanischen Teil der Orgel und die beiden Schwellwerke anspielt. Der Spieltisch hat die Anordnung der Registerzüge ergonomisch günstig in halbrunden Treppen, um dem Spieler sowohl ihre bequeme Nähe wie unaufdringliche Übersichtlichkeit zu ermöglichen. Dazu gehört auch eine großzügig ausgestattete Setzeranlage und die Ergänzung der Schwellwerke mit Oktavkoppeln.

 

Vorsichtig wurde auch die Disposition erweitert. Der im Archiv Klais vorhandene Mensurationsplan von P. Albert Hohn, der dessen intensive Auseinandersetzung mit Karl Joseph Riepp und Aristide Cavaille-Coll zeigt, wurde dafür als Grundlage verwendet. Aus heute nicht mehr ersichtlichen Gründen waren die Mensuren der Zungenregister beim Bau der Orgel durchwegs enger genommen, als geplant und auf den Windladen ausgelegt. So wurden vor allem im Pedal und Hauptwerk neue Zungenregister eingebaut, der Zungenchor ergänzt durch die neue Contraposaune 32‘ im Pedal, und das frei ankoppelbare Bombardwerk mit Hochdruckregistern, wie sie im englischen Orgelbau Tradition sind, wie sie aber auch das Haus Steinmeyer etwa im Dom zu Trondheim verwirklicht hat.

Auch die Stärkung der Äquallage durch die neue Doppelflöte 8‘ im Hauptwerk, Gamba 8‘ im Positiv und die Erweiterungen in den Schwellwerken hatten mehr Wärme und Fülle zum Ziel. Notwendig dazu war die Neuanlage der gesamten Windversorgung und die Anpassung der Ventile in den Windladen.

 

Es ist so die Begegnung mit der Marienorgel auf ganz neue Weise möglich geworden, mit dem alten Charme und mit neuer Kraft: Der unvergleichliche Raum der Basilika Ottobeuren kann sich mit Klang füllen.


 

Dr. Hans-Wolfgang Theobald

 

 

 

 

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