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Übersicht

St. Petersburg/RU, Philharmonie, Bolschoi-Saal

Die Wiederbelebung der Walcker-Substanz in der St. Petersburger Philharmonie  

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3. Das Restaurierungskonzept

 

Aufgabe des Restaurierungskonzepts für die Walcker-Orgel in St. Petersburg ist es, aufgrund der historischen Daten, archivalischen Unterlagen und des vorgefundenen Zustands einen Plan für die vorzunehmenden Arbeiten zu entwickeln, der unter größtmöglichem Schutz der vorhandenen historischen Substanz eine Annäherung an den ursprünglichen Zustand zum Ziel hat.

 

Die Arbeiten von 1972 haben das Instrument stark verändert und von der originalen Anlage und Klangkomposition entfernt. Vom Walckerschen Original blieben aber immerhin mehr als 30 Register erhalten. Diese historische Substanz soll durch denkmalgerechte Rekonstruktion der nicht mehr existierenden Teile wieder in ein Instrument einbezogen werden, das dem verlorenen Original entspricht und dadurch die künstlerische Einheit des Originals wieder herstellt, so dass das Walckersche Pfeifenwerk wieder in angemessener Weise erklingen kann und dieses Werk deutscher Kulturgeschichte zu neuem Leben erweckt wird.

 

Hierbei soll der Schutz und die Erhaltung bzw. teilweise die Rückführung des original vorhandenen historischen Pfeifenwerks den absoluten Vorrang haben. Zum Erreichen dieses Zieles ist es wichtig, wesentliche fehlende Grundvariable der originalen Konzeption wiederherzustellen und in Walckerscher Konstruktionsweise zu rekonstruieren. Dies umfasst insbesondere die Reorganisation des gesamten Instruments, so dass alle Pfeifen wieder den ursprünglich für sie vorgesehenen Windladen zugeordnet werden können.

 

Da der Klang der Pfeifen sehr stark vom Windladensystem abhängt, müssen nicht nur pneumatische Kegelladen gebaut werden, bei der Rekonstruktion der Windladen sollen alle Walckerschen Konstruktionseigenheiten berücksichtigt werden, um hinsichtlich des Winddrucks, der Windführung und der Windmengen weitestgehend dem Original angenäherte Verhältnisse zu schaffen.

 

Hierfür sollen an Parallelinstrumenten eingehende Untersuchungen und Vergleiche durchgeführt werden. Außerdem sind wie bei einem Puzzle alle noch vorhandenen Originalteile in die Konzeption einzugliedern, um hieraus wieder ein geschlossenes Ganzes entstehen zu lassen. Hierfür können folgende Konzertsaal-Orgeln von Walcker herangezogen werden (vgl. die obenstehende Liste): Graz, Stephaniensaal (Windladen und Pfeifen eingelagert in der Werkstatt Klais); Barcelona, Orféo Català und Hamburg, Musikhalle (heute in Köln, St. Engelbert).

 

Anhand dieser Instrumente sind exakte Angaben über technische Einzelheiten möglich, so dass Rekonstruktionen auf einer sicheren Grundlage stehen.

 

Die im Walcker-Archiv vorhandenen Unterlagen geben zwar Aufschluss über die ursprüngliche Anlage der Orgel, sie ist jedoch in dieser Form nicht wiederherstellbar, denn die Orgel musste bei der Versetzung in die Philharmonie im Jahre 1931 wesentlich verändert werden, um sie dem neuen Aufstellungsort anzupassen. Dies und die Berücksichtigung der Akustik des viel größeren Konzertsaals machte es auch nötig, den ursprünglich vorhandenen Schweller für das ganze Werk aufzugeben. Das geschah 1936, als das Instrument auf der Bühne weiter nach hinten versetzt wurde. Die Anlage der Orgel muss sich auch jetzt wieder nach den räumlichen und akustischen Gegebenheiten in der Philharmonie richten. Dabei können die Informationen über die ursprüngliche Anlage ebenso berücksichtigt werden wie die Untersuchungsergebnisse an anderen Walckerschen Konzertsaal-Orgeln.

 

Das Restaurierungskonzept geht also nicht von einer strikten Rückführung auf den Originalzustand von 1903/1910 aus, vielmehr ist vorgesehen, auch die Veränderungen, einzubeziehen, die durch den Wechsel des Aufstellungsorts bedingt waren. Hierbei gilt es, sich eng an Walckerschen Vorbildern zu orientieren. Im Blick auf den viel größeren Aufstellungsraum scheint auch eine Erweiterung der Disposition um solche Register geboten, wie Walcker sie in vergleichbaren Konzertsaalorgeln der Bauzeit verwendet hat. Dies findet seine Rechtfertigung auch darin, dass die Orgel nicht nur 1910 erweitert worden war, sondern dass schon 1914 der Bau weiterer Register erwogen worden war. Da die Orgel alle Anforderungen erfüllen soll, die heute an eine Konzertsaal-Orgel gestellt werden, muss insbesondere hinsichtlich der Traktur nach Lösungen gesucht werden, die sich ohne Zwang mit dem historischen Original vereinbaren lassen. Nur ein solches Vorgehen wird dem Rang des Konzertsaals der Philharmonie zu St. Petersburg als einem der bedeutendsten Konzertsäle der Welt gerecht.

 

Das Instrument war in seinem originalen Zustand in der St. Petersburger Gynäkologie insgesamt in einem Schwellkasten untergebracht, darüber hinaus das III. Manual in einem zusätzlichen Schwellkasten. Durch den Orgelpfleger ist überliefert, dass diese Konzeption bereits bei der Umstellung der Orgel in die St. Petersburger Philharmonie aufgegeben worden war, spätestens 1936, als die Orgel weiter nach hinten versetzt wurde. Diese Änderung ist sowohl auf den veränderten Raum für die Aufstellung des Instruments als auch auf das deutlich größere Raumvolumen der Philharmonie gegenüber dem originalen Standort zurückzuführen.

 

Aus diesen Überlegungen sieht unsere Konzeption vor, Hauptwerk und Pedal nicht in einem Schwellkasten anzuordnen, dafür aber sowohl das II. Manual als auch das III. Manual mit einem eigenen Schwellkasten zu versehen.

 

Es wäre zwar möglich, anstelle eines Schwellkastens für das II. Manual die gesamte Orgelfront mit einer Schwellwand zu versehen, wie es ursprünglich war. Wir haben hiervon aber Abstand genommen. Dem veränderten Raumvolumen muss Rechnung getragen werden. Die Konzeption, zwei Manuale in eigenen Schwellkästen zu haben, war Walcker im Übrigen nicht fremd. Die Orgel in Barcelona verfügt ebenso über zwei separate Schwellwerke (III. und IV. Manual) wie das Instrument in München (II. und III. Manual). Auch im Blüthner-Saal zu Berlin waren zwei Manualwerke schwellbar, allerdings hier nur ein Teil des II. Manuals und das gesamte III. Manual. Die viermanualige Saalorgel in Stuttgart verfügte über drei schwellbare Manualwerke (II., III., und IV. Manual). Nicht zuletzt auch im Hinblick auf diese Parallelinstrumente sehen wir daher für das II. und das III. Manual einzeln steuerbare Jalousieschweller vor.

 

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