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Übersicht

St. Petersburg/RU, Philharmonie, Bolschoi-Saal

Die Wiederbelebung der Walcker-Substanz in der St. Petersburger Philharmonie  

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4. Die Restaurierung

 

4.1 Anlage und Prospekt

 

Einzelheiten sind den beigefügten Zeichnungen zu entnehmen. Wir haben versucht, uns möglichst nah an den Walckerschen Vorbildern und der Aufteilung in 8’- und 4’-Laden zu orientieren. Die Spielanlage wurde aus praktischen Gründen wie schon 1936 zentral im Unterbau der Orgel platziert.

 

Der Prospekt musste neu gestaltet werden. Die Gestaltung nimmt direkten Bezug auf den originalen Entwurf der Orgel der St. Petersburger Gynäkologie. Auf Grundlage von Photographien haben wir diese Konzeption erarbeitet und in den Proportionen auf die St. Petersburger Philharmonie abgestimmt.

 

 

4.2 Windladen und Trakturen

 

Im Hinblick auf die originale Pfeifensubstanz und ihren Klang waren für uns pneumatische Kegelladen unverzichtbar. Es ist für den Klang wichtig, dass die Kegel durch Membranen bzw. Bälgchen gehoben und pneumatisch angesteuert werden. Andererseits sollte die Ansteuerung dieser Kegelladen so präzise und geräuscharm wie möglich erfolgen. Die pneumatischen Vorgelege unter den Windladen werden vom Spieltisch ausgehend mechanisch angesteuert. Auch die Koppeln wurden mechanisch realisiert. Walcker hat 1914 ein Orgelwerk für die Iglesia St. Ignacio in San Sebastian/Spanien geliefert, das über ein solches System verfügt. Die jetzt für St. Petersburg realisierte Anlage ist also unmittelbar authentisch. Die Registertraktur wurde elektopneumatisch angelegt, weil dieses System moderne Spielhilfen zulässt.

 

Für den Bau der Windladen wurden die Laden der für den Grazer Stephaniensaal erbauten Walcker-Orgel und das Instrument im Konzertsaal zu Barcelona, dessen Windladenbestand original erhalten ist, als Muster herangezogen. Insbesondere wurde die Walckersche Aufteilung in 8’-Laden- und 4’-Laden berücksichtigt; sie wurde bei Walcker häufig bei Instrumenten mit Kegel- und Taschenladen angewandt.

 

 

 

4.3 Das Pfeifenwerk

 

Das gesamte historische Pfeifenwerk wurde gesichtet und zugeordnet. Einzelne Pfeifen waren durch die Umarbeitung von 1972 stark verändert. Sie konnten jedoch anhand der Beschriftungen und der konstruktiven Besonderheiten zu ihrer ursprünglichen Bestimmung zurückgeführt werden. Dies setzte eine sorgfältige, zeitaufwändige Sortierung und einen äußerst behutsamen Umgang mit der historischen Substanz voraus. Nach dem Sortieren wurden die Pfeifen stilgerecht restauriert und fehlende Pfeifen baugleich rekonstruiert. Für die Rekonstruktion fehlender Register wurden die Walcker-Konzertsaalinstrumente vergleichbarer Größe für Barcelona, Graz, und Hamburg als Vergleichsobjekte herangezogen und nach den hier gefundenen Bauformen die Register nach Materialien und Mensuren sorgfältig rekonstruiert.

 

Einzelne Register, darunter unter anderem auch der ausgelagerte Subbass 16’, waren 1972 intonationstechnisch nicht überarbeitet worden. An diesen Registern ließen sich sehr deutlich die Walckerschen Intonationsparameter aus der Erbauungszeit des Instruments ablesen; sie wurden bei der Intonation des rekonstruierten Pfeifenwerks berücksichtigt.

 

Die Erweiterung der Disposition ergab sich aus dem Vergleich mit anderen Walckerschen Konzertsaalorgeln. Es handelt sich um folgende Register:

 

I. Manual: Principal 16’ anstelle Bordun 16’

Der Aufstellungsort erfordert die Gravität eines Principal 16’ im I. Manual. Die großen Pfeifen werden auch für den Prospekt benötigt. In den Dispositionen der Konzertsaalorgeln von Warschau, Stuttgart, Graz, Barcelona, Hamburg, Berlin und München war ein Principal 16’ vorhanden, wobei die Instrumente in Hamburg, Warschau und Barcelona im I. Manual neben dem offenen auch noch einen gedeckten labialen 16’ (Bordun 16’) besaßen.

 

II. Manual: Mixtur 3f. 2’, III. Manual: Sesquialtera 2f. 2 2/3’ + 1 3/5’

Gemäß den Vorbildern in München, Berlin, Hamburg, Stuttgart und Barcelona wurden das II. und III. Manual jeweils um eine gemischte Stimme ergänzt, wobei die Sesquialtera in Quintflöte und Terzflöte aufgeteilt ist. Diese Register ließen sich nach dem Vorbild von Barcelona rekonstruieren.

 

III. Manual: Basson 16’ , Pedal: Trompete 8’

Bereits 1914 gab es Überlegungen (die dann infolge des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs nicht verwirklicht werden konnten), das Instrument um drei Zungenstimmen (III. Manual 16’ und 4’, Pedal 8’) zu ergänzen. Diese überlieferten Überlegungen werden gestützt durch die Dispositionen der Konzertsaalorgeln in München (Manual Fagott 16’ / Pedal Tuba 8’), Stuttgart (Manual Basson 16’ / Pedal Bassethorn 8’ und Pedaltrompete 8’ Transm.), Barcelona (Manual Fagott 16’, Pedal Tromba 8’) und Hamburg (Manual Fagott 16’, Pedal Trompete 8’), die alle eine 16’-Zunge im Manual sowie eine 8’-Zunge im Pedal aufweisen. Ergänzend hierzu wurden diese Register zusätzlich aus dem Manual ins Pedal transmittiert. In allen Walcker-Konzertsaalinstrumenten dieser Schaffenszeit verbergen sich oftmals hinter der Bezeichnung "Schwellpedal" aus dem III. Manual ins Pedal transmittierte Register, wie dies auch in der originalen Konzeption für Gedacktbass 16’ sowie Violoncello 8’ der Fall war.

 

Pedal: Grand Bourdon 32’

Analog zu den Konzertsaalorgeln in München, Berlin und Hamburg (diese drei Säle haben ähnliche Größe wie die St. Petersburger Philharmonie) wurde der Subbaß 16’ im Pedal durch zwölf Pfeifen zu einem Grand Bourdon 32’ als zusätzliches Register (Extension) erweitert. So erreichen wir in diesem wichtigen tieffrequenten Bereich eine klangliche Abrundung. Wie wichtig dieser Bereich für Walcker war, läßt sich daran ablesen, dass er in vielen der oben angeführten Säle alternativ oder zusätzlich 102/3’-Quinten zur Erzeugung eines akustischen 32’ disponiert hat (Stuttgart, Berlin, Barcelona, Graz und Hamburg).

 

Stimmtonhöhe

Das historische Pfeifenwerk bestimmte die endgültige Festlegung der Stimmtonhöhe. Lt. Auskunft des Orgelpflegers, der das Instrument auch vor der Überformung der 1970er Jahre bereits gepflegt hat (er betreut die Orgel seit über 40 Jahren) lag die Stimmtonhöhe damals bei rund 438 Hz bei etwa 16 bis 17° C. Die Stimmtonhöhe beträgt jetzt 442 Hz bei 21° Celsius, welches 438 Hz bei 16° Celsius entspricht.

 

Tonumfang

Der oben angeführten Aufstellung Walckerscher Konzertsaalorgeln ist zu entnehmen, dass Konzertsaalorgeln dieser Zeit in der Regel mit Tonumfängen bis mindestens a3 ausgestattet waren, was auch heutiger Praxis entspricht. Daher erhielt die Orgel einen Tonumfang bis a3. Die Pfeifen für die Töne gs3 und a3 wurden ergänzt.

 

Wir sind uns bewusst, dass es nicht möglich ist, ein verlorengegangenes Original wiederherzustellen. Mit unserer Vorgehensweise in St. Petersburg haben wir versucht, den erhaltenen Pfeifenbestand dieses Walckerschen Orgelwerkes unter größtmöglichem Schutz der Originalsubstanz zu neuem Leben zu erwecken und alle Spuren dieser bedeutenden Orgel auch zukünftigen Generationen zum Studium und zur Freude zu erhalten.

 

 

zur Disposition...

 

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