_UP

Übersicht

Nürnberg, St. Lorenz

Die Restaurierung der großen Steinmeyer-Orgel aus dem Jahr 1937 in der St. Lorenzkirche zu Nürnberg

_klais/bilder/zz_bis_8_2017/aktuell/NBG-Hauptorgel.jpg

< 1 2 3 4 5 6 7 8 9 >

 

 

Die Pfeifensubstanz der Hauptorgel

 

Eine weitere Frage, die uns zur Realisierung der Gesamtkonzeption beschäftigte, war, ob die Mensuren insbesondere der Steinmeyer-Hauptorgel aus unserer heutigen Sicht für einen raumfüllenden Klang ausreichend sind. Wir konnten durchgängig feststellen, dass dies bei den verwendeten Mensuren der Hauptorgel der Fall war.

 

Vielmehr erschien jedoch ein Widerspruch zwischen den verwendeten Mensuren und der Klanglichkeit der Pfeifen im Kirchenraum zu bestehen. Die nach dem Krieg erniedrigten Aufschnitte reduzieren das Klangvolumen der einzelnen Pfeifen und führten so zu einem unbefriedigenden Gesamteindruck.

 

Restaurierungskonzept

 

Der größte Teil der Orgelsubstanz der großen Steinmeyer-Westorgel geht auf das Jahr 1937 zurück. Dies gilt sowohl für das Pfeifenwerk als auch für die Windladen. Die ältesten Windladenteile stammen aus der Steinmeyer-Orgel von 1879. Sie wurden 1937 beim Neubau der Orgel übernommen.

 

Der Wiederaufbau der Orgel in den Jahren 1950 bis 1952 nach den Kriegsschäden mit veränderter Prospektfront sowie die Überarbeitung der Orgel 1990 bis 1992 führten zu Veränderungen der Orgelsubstanz.

 

Wie galt es nun, mit dieser gewachsenen Situation umzugehen? Als Konzept für die Orgelrestaurierung dieser komplexen Orgelanlage haben wir im technischen Bereich den gewachsenen Zustand respektiert und beibehalten. Eine Rückführung der Orgelanlage auf das Jahr 1937 hätte zwangsläufig eine Aufgabe der Prospektkonzeption von 1950 bis 1952 zur Folge gehabt. Bereits Geschichte gewordene Substanz hätte zugunsten neuer bzw. rekonstruierter Komponenten aufgegeben werden müssen. Eine solche Maßnahme erschien uns aus heutiger Sicht nicht sinnvoll. Aus diesem Grunde wurde der Werkaufbau der Orgel weitgehend unverändert belassen. Hierfür sprach auch, dass die einzelnen Orgelkomponenten auf den unterschiedlichen Ebenen gut zu erreichen und alle Windladen von ausreichend zugänglichen Stimmgängen umgeben waren.

 

Lediglich im Bereich der Stimmgangsicherung waren zusätzliche Maßnahmen erforderlich; die auf den oberen Ebenen angeordneten Laufböden wurden mit Geländern versehen. Hierdurch wurde für den stimmenden Orgelbauer eine Sicherheit erreicht, ohne das äußere Bild der Orgel zu stören.

 

Klanglich hingegen erschien es uns notwendig, das Instrument in seiner Gesamtheit auf ein einheitliches Klangbild hinzuführen. Dieses Klangbild orientiert sich am Klangideal von 1937, der Erbauungszeit des Pfeifenwerkes. Die Pfeifen haben seit 1937 starke Veränderungen ihrer Intonation erfahren, 1950 bis 1952 wurden wesentliche Intonationsparameter stark verändert und eine veränderte Klanglichkeit des Instrumentes angestrebt. So wurden beispielsweise an den Gedackten die Aufschnitte erniedrigt, welches zu einem völlig veränderten Klangbild führte. Wir sind der Meinung, dass infolge dieser Veränderungen das Instrument in klanglicher Hinsicht vieles von seiner Persönlichkeit verloren hatte.

 

Hier erschien uns eine Rückführung des Instrumentes auf die Intonation von 1937 unverzichtbar. Alle Intonationsparameter der Spätromantik (Kernstiche, weite Kernspalten, ausreichende Windversorgung am Fuß sowie relativ hohe Winddrücke) sollten soweit wie möglich und ablesbar zurückgeführt werden. Anhaltspunkt hierfür war das vorhandene Pfeifenwerk selbst, welches die Leitlinie der Restaurierung vorgab.

 

Im Rahmen der vollständigen Restaurierung und Neuintonation des Werkes sollte erreicht werden, für den Kirchenraum einen Orgelklang zu erhalten, der sich an dem von Mehl im "Lorenzer Orgelbüchlein" definierten klanglichen Aufbau der einzelnen Werke orientiert:

 

Brustwerk (B.W.):

Durchsichtig, breit, prächtig; mixturenbeherrschter Rohrwerksklang.

 

Hauptwerk (H.W.):

Monumental; schwerer Principalklang; deutscher Trompetenchor.

 

Schwellwerk (Sch.W.):

Groß; schwerer Gedacktklang; Solostimmen für Echowirkung; Bombardenchor.

 

Oberwerk (O.W.):

Scharf, strahlend; dezente Principale; hoher Aliquoten- und Regalchorklang.

 

Pedal (P.):

Monumental; schwerer Principal und Zungenklang, ergänzt durch dezente Begleit- und Solostimmen; das reichste Werk der Orgel durchgebaut vom 64' bis zum ¼'

 

Im Anschluß an die Beschreibung des klanglichen Aufbaus der Hauptorgel charakterisiert Mehl auch den klanglichen Charakter der Laurentiusorgel sowie der Chorogel. Auch diese Charakterisierungen haben wir als Leitlinien für die Konzeption für Laurentiusorgel und Chororgel in unser Konzept einbezogen:

 

Laurentiusorgel (L.O.):

Breiter, ruhiger, gelöster Principalklang; silbern; gesättigtes Plenum aus einem Guß.

 

Chororgel (Ch.O.):

Licht, funkelnd, geschmeidig; mit ausgesprochen "süßen" Stimmen".

 

Im Rahmen der Restaurierung der großen Steinmeyer-Westorgel erschien uns ein Anstreben der von Mehl beschriebenen Klanglichkeit sinnvoll. Leitlinie hierfür stellte das Pfeifenwerk dar, bei dem in einer Rückführung der intonatorischen Eingriffe späterer Jahre das originale Klangideal weitgehend wieder hergestellt wurde.

 

Unser Restaurierungskonzept sah vor, die gesamte Orgel grundsätzlich in einen Zustand klanglicher Geschlossenheit und technischer Zuverlässigkeit zu versetzen, der für viele Jahrzehnte Bestand hat.

 

Die Komplexität der Orgelanlage ließ es nicht sinnvoll erscheinen, das gesamte Instrument in Nürnberg abzubauen und in unsere Werkstatt nach Bonn zu verbringen. Ein Großteil der Restaurierungsarbeiten musste daher zum Schutz der historischen Substanz in Nürnberg vor Ort ausgeführt werden.

 

 

Weitere Seiten:

Die Hauptorgel

Die Laurentiusorgel

Die Stephanusorgel

Fotos

Orgelweihe - Orgelbuch

 

Seiten: < 1 2 3 4 5 6 7 8 9 >