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Übersicht

Ochsenhausen, ehem.Klosterkirche - HO

Wege zur Gabler-Orgel 2000 – 2004

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3. Zielsetzungen

 

Der Umbau durch Gabler selbst im Jahre 1755 und die unzähligen Eingriffe

danach ließen die verschiedensten Restaurierungsziele als möglich erscheinen.

Entgegen den Gewohnheiten früherer Jahrzehnte sehen wir heute auch in der Erhaltung eines gewachsenen Zustandes eine sinnvolle Lösung. So wie es bei einem Gemälde wenig Sinn macht, eine qualitativ hochstehende Übermalung zu entfernen, um eine darunter liegende zerstörte oder künstlerisch wertlose ältere Fassung zu restaurieren, so zweifelhaft wäre es, beispielsweise Ausführungen des Orgelbauers Kiene aus dem 19. Jahrhundert zu entfernen, wenn wir nicht wissen, wie die gleichen Bauteile von Gabler ausgeführt wurden. Es geht also grundsätzlich um die Belegbarkeit eines Zustandes, wenn dieser restauriert bzw. rekonstruiert werden soll. Ist diese nicht gegeben, so erscheint das Belassen eines späteren Zustandes sinnvoller als die Wiederherstellung eines früheren. Die Beweisbarkeit einer Situation ergibt sich aus der erhaltenen Substanz, der Archivsituation und den erkennbaren Spuren am Instrument. Selbstverständlich muss jede Orgelrestaurierung auch eine langfristige Funktionssicherheit erzielen. Ungeachtet des Befundes im Bereich des Pfeifenwerks muss im Gesamtkonzept auch ein sinnvolles musikalisches Konzept enthalten sein. Es darf schließlich nicht sein, dass auf Grund der Zufälligkeit des noch erhaltenen Materials ein „Zufallsergebnis“ ohne Gesamtsinn entsteht. Es gilt deshalb denkmalpflegerische, instrumentenbauliche und musikalische Gesichtspunkte gebührend zu berücksichtigen. Die Gabler-Orgel besitzt eine sehr komplizierte technische Struktur, welche sich durch die Anlage um das Westfenster herum ergibt. Die Funktionssicherheit des Werkes ließ deshalb in der Vergangenheit zu wünschen übrig, was mit ein Grund war für die vielen Umbauten und letztlich zum Neubau der technischen Anlage führte. Dabei wurden die alten Bauteile aber nicht gänzlich vernichtet, sondern im Gewölbe unter der Orgel eingelagert. Die einzelnen Elemente dieser nicht unerheblichen Menge Altmaterial verschiedener Epochen waren aber nicht bezeichnet, so dass eine Zuordnung auf den ersten Blick nicht möglich war. Ein von der Denkmalpflege gefordertes Ziel der Restaurierung sollte aber darin bestehen, dieses Material nach Möglichkeit wieder in die Orgel zu integrieren. Bei dieser Ausgangslage war uns klar, dass es nicht möglich sein würde, ein Restaurierungsziel zu definieren, bevor wir das Werk nicht in allen seinen Teilbereichen genau untersucht und bewertet hatten. Es galt im Sinne der Orgelarchäologie die Geschichte dieser Orgel zu erlernen und alle erhaltenen Teile und Spuren damit in Zusammenhang zu bringen. Die „Detektivarbeit“ der Restauratoren erforderte natürlich einen erheblichen Zeitaufwand. Selbst geübten Augen erschließen sich nicht sofort alle Spuren. Oft erschließt sich ein Zusammenhang erst in Verbindung mit ganz anderen, neuen Fragestellungen. Ebenso wichtig ist es, die gewonnenen Erkenntnisse immer wieder kritisch zu hinterfragen, denn zu gerne wird man blind für Gegebenheiten, welche einer einmal gefassten Theorie widersprechen. Die Beauftragung zweier Firmen erwies sich in dieser Phase des Projektes als äußerst fruchtbar, war doch jeder von uns bemüht, das passende Teil des Puzzles zu finden, welches das Bild vervollständigen konnte – und es kritisch zu prüfen, wenn es der andere gefunden hatte. Neben dieser hochinteressanten und spannenden Aufgabe bereitete uns allen aber gerade diese Zusammenarbeit große Freude und Befriedigung. Während und nach der Demontage der Orgel führte ein ganzes Jahr intensiver Zusammenarbeit schliesslich zu einem Bericht, der alle Aspekte der Untersuchung auswertete. Erst auf dieser Basis war es zu verantworten, ein Restaurierungsziel zu definieren.

 

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