Bergisches Dreigestirn
Prinz, Bauer und Jungfrau in Velbert. Oder Waffeln, heiße Kirschen und Schlagsahne?
nach der Restaurierung
Nicht ganz, eher Altar, Kanzel und Orgel; und genau genommen ist es die bergische Trinität, die sich dem Besucher der Alten Kirche in Velbert zeigt. Die im achtzehnten Jahrhundert erbaute Kirche folgt dem im bergischen Land üblichen Anordnung der Predigtkirchen, die die Orgel nicht als Pendant zu Kanzel und Altar auf der Westempore anordneten, sondern über der Kanzel, meist über dem Schalldeckel der Kanzel.
während des Abbaus
Genutzt wurde die Kirche im Herzen der Stadt Velbert von der reformierten und der lutherischen Gemeinde, die sich oft genug nicht einig gewesen zu sein schienen, was dann auch 1827 zum „Velberter Orgelstreit“ führte. In dessen Verlauf kam es zu einem archivalisch belegten Handgemenge und in dessen noch weiterem Verlauf sogar zu einem ordentlichen Prozess. Der Streitpunkt war die Orgel, die von den Lutheranern angeschafft wurde. Bekanntlich können aber auch reformierte Psalmen vortrefflich mit einer Orgel begleitet werden. Damit das aber nicht geschehen konnte bauten die Lutherischen einen Geheimhebel in die Orgel ein, dessen Aktivierung unweigerlich dazu führte, dass die Orgel keinen Wind erhielt, so sehr man die Kalkanten auch anspornte, doch vielleicht noch stärker in die Bälge zu treten. Das Ende vom Lied war eine zweite Orgel auf der Westempore, die von Reformierten genutzt wurde. Nach der Fusion der beiden Konfession 1868 war eine zweite Orgel dann aber schon nicht mehr nötig.
die seitliche Spielanlage
Die kleine Barockorgel über dem Altar, von der der Mittelteil noch erhalten ist, geht auf ein Instrument von Thomas Houben zurück, der wie die Familie Weidtmann im 18. Jahrhundert in Ratingen arbeite. Von Houben hat sich die wunderbare Orgel in Sprang (NL) erhalten. In Velbert aber hatte man andere Pläne, und im Sinne einer aufstrebenden Industriestadt fragte man die damals führende Orgelbauwerkstätte Richard Ibach aus Barmen an, um ein neues, größeres Instrument zu fertigen.
originale Klaviaturen
Es kam in den Jahren 1869/70 zu einem vollständigen Neubau der Orgel. Zwei Seitenfelder wurden zu der alten Fassade hinzugefügt, mehr ist nicht geblieben von der barocken Pracht. Nur die Fassade? Nicht ganz, aber dazu später mehr.
Registerknöpfe aus Porzellan
Das Instrument wurde in einer für Ibach typischen Bauart erstellt. In allen Teilen der Orgel weht schon ein frühindustrieller Geist, schließlich war der Klavierbau das Hauptgeschäft der Ibachs. Bestimmte Teile wirken vorkonstruiert, sie wurden am Bestimmungsort lediglich angepasst. Die Anlage der Velberter Ibachorgel folgt dem Muster vieler mittelgroßen Instrumente. Eine große Hauptwerkslade, dahinter das Pedal und quer über der Cis Seite der Hauptlade, das zweite Manual. Einfache Trakturwege, gute Erreichbarkeit der technischen Teile und des Pfeifenwerkes. Die Spielanlage ist meist seitlich angelegt. Beinahe alle diese technischen Teile, einschließlich der Klaviaturen haben sich in Velbert erhalten.
restaurierte Spieltraktur
Das Instrument ist aber nicht unverändert auf unsere Tage gekommen. Gerade was den Klang betrifft, gab es immer wieder starke Eingriffe gemäß dem jeweiligen Zeitgeschmack, ein Tertian, eine Cymbel und was man sonst noch an einem Instrument des 19. Jahrhunderts vermissen konnte.
Tonventile mit aufgesetzten Vorventilen im Bass
Das Instrument war vor unseren Arbeiten dann doch so stark verändert, dass es in Fachkreisen nicht wirklich als eine gut erhaltene Ibachorgel galt. Die Anzahl der einst so gerühmten Instrumente dieser Werkstatt, die bis nach Südamerika oder Spanien lieferten, beschränkt sich etwa auf eine Handvoll erhaltener Instrumente, aber Velbert, alte Kirche? Nein sicher nicht. Anhand der gut erhaltenen Vergleichsinstrumente etwa in Niederwenigern schätzten wir eine Rekonstruktion des Klangbestandes als realistisch ein. Zudem hatten sich in einigen neobarocken Registern Einzelpfeifen etwa der alten Mixtur erhalten. Fein säuberlich gestempelt mit der Ibachmarke.
Pfeife mit originaler Signatur
Das Ergebnis der Rekonstruktion ist überraschend. Als Hörer nimmt man die Orgel ungemein lebendig wahr, was vielleicht mit der barocken Spiegeldecke zusammenhängt. Die Tongebung ist noch sehr lebendig, fast spätbarock bis hin zu einfühlsamen und verinnerlichten Klängen, ein echtes Juwel. So sitzt man heute vor der eindrucksvollen Altarwand wie in einem „geistlichen Theater“ inmitten des feinen Orgelklanges.
Blick über den Stimmgang
Pfeifenwerk des II. Manuals auf der oberen Ebene
Pfeifenwerk des I. Manuals auf Gurtrahmen-Niveau
Von Houbens Barockorgel haben wir dann doch noch etwas gefunden, ein Kanalstück, ein Verbindungselement aus der alten Balgkammer hoch in die Orgel. Ein mit Notenpergamenten ausgekleidetes Stück Eichenholz. Und in eben diesem Kanalstück fanden wir die Vorrichtung, mit der die Orgel stillgelegt werden konnte. Damals, Sie wissen, der Orgelstreit und der Geheimhebel! Es handeltet sich um einen einfachen Schieber, der den Hauptkanal absperren konnte. Einfach aber wirkungsvoll und zum Glück in heutigen Tagen vollkommen überflüssig.
Kanalpapierung mit historischen Pergamenten, in der Bildmitte der Schlitz für den "geheimen" Schieber
